Fazit: Vom visuellen Verdacht zum prüfbaren Produktionsmodell
Die Schieber-Matrix ist keine Übersetzung des Voynich-Manuskripts, sondern eine quantitativ prüfbare Hypothese darüber, wie seine Zeichenfolgen erzeugt worden sein könnten.
Ich habe eine andere Frage gestellt
Beim Voynich-Manuskript wird meist gefragt: Was steht dort geschrieben? Als Grafiker habe ich zunächst etwas anderes betrachtet: Abstände, Wiederholungen, begrenzte Formen, Positionsregeln und mögliche Arbeitsschritte.
Wie könnten diese Zeichen in einem stabilen, wiederholbaren Arbeitsablauf auf das Pergament gelangt sein?
Aus dieser Frage entstand zuerst eine visuelle Schablonenidee. Inzwischen lässt sie sich genauer formulieren: als Schiene mit 19 Zeichenpositionen, 19 zustandsabhängigen Karten, je 36 Würfelfeldern und einem Netz von 87 erlaubten Übergängen. Zwei Würfel wählen ein Feld; dessen Eintrag bestimmt die nächste Position und damit das nächste Zeichen.
Das ist noch kein Fund eines historischen Geräts. Es ist aber ein vollständiger Ablauf, den andere Personen ausführen, protokollieren und mit dem Manuskript vergleichen können.
Das wichtigste Ergebnis in drei Zahlen
Für den Voynich-Test wurden die Modellübergänge jeweils nur aus den Trainingsseiten bestimmt und anschließend auf zuvor nicht verwendeten Seiten geprüft. Für die Vulgata wurden entsprechend ganze biblische Bücher zurückgehalten. Beide Korpora erhielten ein eigenes Modell mit derselben Komplexität: 19 Zustände und 87 Übergänge.
Die direkte Voynich-Abdeckung liegt damit um 25,21 Prozentpunkte über dem lateinischen Kontrolltext. In 5.000 zufällig erzeugten Matrizen gleicher Größe erreichte keine die direkte Abdeckung von 92,84 Prozent. Das macht die Konzentration des Voynich-Textes auf ein enges Übergangsnetz zu einem echten Messergebnis.
Die logische Konsequenz
Wenn alle bisherigen Ergebnisse zusammen betrachtet werden, folgt daraus nicht, dass das Manuskript bedeutungslos ist oder sicher mit Würfeln geschrieben wurde. Die engste zulässige Schlussfolgerung lautet:
Die Zeichenabfolge des Voynich-Manuskripts ist ungewöhnlich gut mit einem kleinen, zustandsabhängigen Generationssystem vereinbar, das häufige Übergänge bevorzugt und begrenzte Abweichungen zulässt.
Das kann zu mehreren Ursachen passen: einer formelhaften Sprache, einer Chiffre, einem Copy-and-modify-Verfahren, einem erlernten Schreibalgorithmus oder einem mechanisch unterstützten Arbeitsablauf. Das Schiebermodell ist eine konkrete Erklärungsklasse innerhalb dieser Möglichkeiten, nicht deren endgültiger Beweis.
Ein kombiniertes Modell mit drei Ebenen
- Strukturelle Erzeugung: Das aktuelle Zeichen aktiviert seine Karte. Zwei Würfel oder eine andere Auswahlregel bestimmen das nächste Zeichen aus einer gewichteten Menge erlaubter Übergänge.
- Grafische Ausführung: Zeichen können beim Schreiben verbunden, verlängert oder positionsabhängig verändert werden. Besonders auffällige Restgruppen wie ckh, cph, cfh sowie wortfinales am oder ir sollten deshalb als mögliche grafische Operatoren geprüft werden.
- Menschliche Übertragung: Mindestens fünf Schreiberhände führen dasselbe Grundsystem mit eigenen Bewegungs-, Lese- und Schreibgewohnheiten aus. Falsches Ansetzen, Nachbarfeld, Auslassung, Wiederholung oder eine abweichende Wortgrenze können kleine Restabweichungen erzeugen.
Die fünf Handgruppen bleiben auch getrennt stark modellierbar: Die direkte Abdeckung liegt je nach Hand zwischen 90,67 und 93,98 Prozent. Das spricht für einen gemeinsamen strukturellen Kern, beweist aber noch kein gemeinsames physisches Werkzeug.
Wie der Arbeitsablauf ausgesehen haben könnte
Ein denkbares Verfahren wäre zweistufig. Zunächst erzeugt ein Bearbeiter eine Zeichenfolge auf einem Arbeitsblatt oder einer wiederverwendbaren Unterlage. Erst danach überträgt ein Schreiber die Folge flüssiger auf Pergament. Ganze häufige Passagen, Wortbausteine oder grafische Verbindungen könnten dabei erneut verwendet worden sein.
Eine solche Trennung könnte den gleichmäßigen Schriftfluss, die geringe sichtbare Interpunktion und wenige erkennbare Korrekturen mit erklären. Sie darf jedoch nicht als festgestellte historische Tatsache formuliert werden. Auch kontinuierliches freies Schreiben, Abkürzungssysteme oder ein routinierter bedeutungsvoller Text können ähnliche Oberflächenmerkmale hervorbringen.
Gerade der praktische Schreibversuch ist deshalb wichtig: Er kann messen, wie schnell Menschen nach Übung werden, welche Fehler tatsächlich auftreten und ob fünf Personen trotz gleicher Karten unterscheidbare Profile erzeugen.
Verhältnis zu bestehenden Modellen
Die allgemeine Idee eines regelbasiert erzeugten Voynich-Textes ist nicht neu. Gordon Rugg zeigte mit Tabelle und Cardan-Gitter, dass sich Voynich-artige Eigenschaften durch historisch einfache Mittel erzeugen lassen. Rugg und Gavin Taylor untersuchten später zusätzliche statistische Merkmale.
Torsten Timm und Andreas Schinner entwickelten ein konkurrierendes Copy-and-modify-Modell: Neue Wörter entstehen durch lokale Veränderung bereits geschriebener Wörter. Dieses Modell benötigt keine physische Schablone und erklärt ebenfalls Wortfamilien und Nachbarschaftseffekte.
Das Schiebermodell ergänzt diese Forschung um eine ausdrücklich zustandsabhängige Übergangsmatrix, räumlich interpretierbare Bewegungen, zwei Würfel als reproduzierbaren Auswahlmechanismus, fünf protokollierbare Schreiberprofile und einen Vergleich mit zurückgehaltenem Material. Seine Eigenleistung liegt somit nicht in der Behauptung „regelbasierte Erzeugung ist möglich“, sondern in der konkreten, messbaren Ausgestaltung.
Text, Geometrie und Pflanzen müssen getrennt geprüft werden
Meine Vektorüberlagerungen und der Botanik-Baukasten folgen derselben gestalterischen Grundidee: Komplexe Formen könnten aus wiederverwendbaren Elementen entstanden sein. Das ist als Forschungsrichtung interessant, darf aber nicht einfach mit dem statistischen Textergebnis zusammengerechnet werden.
Für die Schriftgeometrie braucht es vorab festgelegte Messpunkte, Toleranzen und Blindvergleiche mit zeitgenössischen Handschriften. Für die Pflanzen müssen wiederkehrende Konturen gegen normale Werkstattpraxis, gemeinsame Vorlagen, Durchpausen und freihändige Kopie getestet werden. Erst unabhängige positive Ergebnisse in diesen Bereichen würden das Gesamtmodell zusätzlich stützen.
Historische Plausibilität ist keine Zuschreibung
| Person oder Umfeld | Belegter Bezug | Nicht belegt |
|---|---|---|
| John Dee | Mathematik, Astronomie, Navigation, Tabellen und Instrumente gehörten zu seinen Arbeitsgebieten. | Dass er MS 408 besaß, entwickelte oder verkaufte. |
| Edward Kelley | Teilnahme an Dees spiritistischen Sitzungen und an der Überlieferung des später „henochisch“ genannten Zeichensystems. | Die Benutzung von Würfeln, Karten oder der hier rekonstruierten Methode für MS 408. |
| Carl Widemann | Arzt, Sammler und Vermittler vor allem alchemistischer Handschriften; nachweisliche Buchverkäufe an Rudolf II. | Dass das Voynich-Manuskript zu den verkauften Büchern gehörte. |
| Leonhard Rauwolf | Botaniker und Orientreisender; Rudolf II. kaufte 1593 vier seiner Herbarien. | Dass MS 408 aus seinem Besitz oder Nachlass stammte. |
Dees und Kelleys Interessen machen einen kombinierten Gebrauch von Tabellen, Zeichen und Instrumenten im späten 16. Jahrhundert vorstellbar. Die Beinecke Library betont jedoch, dass erhebliche Zweifel an einer früher angenommenen Vorbesitzerschaft Dees bestehen.
Die Rauwolf-Widemann-Spur ist archivalisch greifbarer: Rauwolf starb 1596, seine Witwe 1597; der Nachlass wurde verkauft, während eine erhaltene Bücherliste fehlt. Widemann handelte mit Handschriften. Für eine Sendung ungewöhnlicher Bücher wurden 1599 zunächst 500 Taler angesetzt und 600 Rheinische Gulden ausgezahlt; zusätzlich sind Transportkosten für ein kleines Fass mit „allerlei seltsamen Büchern“ dokumentiert. Das belegt einen realen Weg ungewöhnlicher Bücher nach Prag – aber nicht, dass MS 408 im Fass lag.
Das chronologische Problem bleibt
Das Pergament von MS 408 wurde auf ungefähr 1404 bis 1438 datiert. Eine Herstellung im Umfeld Dees, Kelleys, Rauwolfs oder Widemanns rund 150 Jahre später müsste daher erklären, warum eine große Menge älteren, zusammengehörigen und offenbar unbeschriebenen Pergaments verfügbar war. Die Materialanalyse von Tinten und Pigmenten bestätigt historische Plausibilität, datiert die Schrift aber nicht unabhängig.
Damit ist ein späteres Beschriftungsszenario nicht logisch ausgeschlossen, aber erklärungsbedürftig und derzeit unbelegt. Die einfachere zeitliche Annahme bleibt eine Niederschrift näher an der Pergamentdatierung, solange keine gegenteiligen materiellen Belege vorliegen.
Was die Fachwelt für eine belastbare Prüfung erwarten würde
- Das Modell, seine 87 Übergänge und alle Fehlerklassen werden vor weiteren Tests unverändert festgeschrieben.
- Ganze Seiten, Lagen oder Schreibergruppen werden zurückgehalten, nicht nur zufällige Einzelzeichen.
- Verglichen wird mit mehreren natürlichen Sprachen, Chiffren, Copy-and-modify-Modellen und einfachen Markov-Modellen gleicher Komplexität.
- Der praktische Versuch wird mit mehreren Personen, Zeitmessung und vollständigem Fehlerprotokoll wiederholt.
- Transkript, Quellcode, Parameter und Auswertung werden so veröffentlicht, dass andere die Zahlen reproduzieren können.
- Für geometrische Behauptungen werden Blindtests und zeitgenössische Vergleichshandschriften verwendet.
Eine wissenschaftliche Anerkennung wäre daher nicht durch die Höhe einer einzelnen Prozentzahl zu erreichen, sondern durch unabhängige Wiederholung, faire Kontrollmodelle und Vorhersagen, die auf bisher unberührtem Material bestehen.
Mein vorläufiges Fazit
Ich behaupte nicht, das Voynich-Manuskript entziffert oder sein historisches Werkzeug gefunden zu haben.
Das neue Ergebnis ist enger, aber belastbarer: Ein kleines Übergangsmodell erfasst auf zurückgehaltenen Voynich-Seiten 92,84 Prozent der Zeichenübergänge und damit deutlich mehr als ein gleich komplexes Modell im lateinischen Kontrolltext. Die Struktur bleibt über mindestens fünf Schreiberhände hinweg ähnlich stabil.
Damit ist ein gemeinsamer regelgebundener Produktionsprozess plausibel und experimentell prüfbar geworden. Ob dieser Prozess sprachlich, kryptografisch, memoriert, kopierend oder mechanisch unterstützt war, bleibt offen.
Der Wert der Hypothese liegt genau darin: Man muss nicht an sie glauben. Man kann ihre Regeln festschreiben, damit Text erzeugen, ihre Vorhersagen an neuen Daten prüfen und sie bei einem negativen Ergebnis verwerfen.
Quellen und Datengrundlagen
- Yale Beinecke Library: The Beinecke Cipher Manuscript – Digitalisat, Katalog- und Materialinformationen.
- René Zandbergen: Voynich-MS Text Analysis – Transliteration – Beschreibung und Bezug der ZL-Transkription.
- Lisa Fagin Davis (2020): “How Many Glyphs and How Many Scribes? Digital Paleography and the Voynich Manuscript.” Manuscript Studies 5(1), 164–180. DOI 10.1353/mns.2020.0011.
- McCrone Associates (2009): Materials Analysis of the Voynich Manuscript, Project MA47613. Bericht über die Beinecke Library.
- Gordon Rugg (2004): “An Elegant Hoax? A Possible Solution to the Voynich Manuscript.” Cryptologia 28(1), 31–46. DOI 10.1080/0161-110491892755.
- Gordon Rugg & Gavin Taylor (2017): “Hoaxing statistical features of the Voynich Manuscript.” Cryptologia 41(3), 247–268. DOI 10.1080/01611194.2016.1206753.
- Torsten Timm & Andreas Schinner (2020): “A possible generating algorithm of the Voynich manuscript.” Cryptologia 44(1), 1–19. DOI 10.1080/01611194.2019.1596999.
- Michael A. Greshko (2025): “The Naibbe cipher: a substitution cipher that encrypts Latin and Italian as Voynich Manuscript-like ciphertext.” Cryptologia. DOI 10.1080/01611194.2025.2566408.
- Stefan Guzy (2022): “Book Transactions of Emperor Rudolf II, 1576–1612”.
- Anastasia Stefanaki et al. (2021): “The early book herbaria of Leonhard Rauwolf”.
- Deutsche Biographie: Leonhard Rauwolf.
- Augsburger Stadtlexikon: Carl Widemann.
- History of Science Museum, Oxford: John Dee’s Holy Table.
- Royal Museums Greenwich: Mathematics, navigation and John Dee.
- René Zandbergen: Datierung des Marci-Briefs.
- Kontrolltext: Biblia Sacra Vulgata, bereitgestellte lateinische Textdatei. Alle Prozentwerte dieser Seite stammen aus der dokumentierten eigenen Auswertung; sie sind keine Angaben der zitierten Forschungsliteratur.
Transparenz zur KI-Unterstützung
Die Schieber-Matrix-Hypothese, die zugrunde liegenden Beobachtungen sowie die praktischen Schreib- und Schablonenexperimente wurden vom Autor entwickelt und durchgeführt. Generative KI wurde unterstützend bei der Entwicklung und Überprüfung von Rechenwegen, der Programmierung von Analysewerkzeugen, der Strukturierung von Daten sowie bei Übersetzung und sprachlicher Aufbereitung eingesetzt.
Die KI wurde nicht zur vermeintlichen Entschlüsselung des Voynich-Manuskripts verwendet. Das vorgestellte Modell stellt keine Übersetzung oder abschließende Lösung dar, sondern eine experimentelle und falsifizierbare Hypothese über einen möglichen Produktionsprozess. Auswahl, Prüfung, Interpretation und Verantwortung für sämtliche veröffentlichten Aussagen liegen beim Autor.