MS 408: Quantitative Analyse des Schieber-Matrix-Modells

Eine prüfbare Produktionshypothese mit 19 Zuständen, 36-Felder-Karten, kontrollierter Zufallsauswahl und fünf Schreiberprofilen.

Arbeitsstand: September 2026 · Eigenanalyse von Jérôme Kessel mit rechnerischer Auswertung

1. Forschungsfrage und Abgrenzung

Diese Untersuchung versucht nicht, den Voynich-Text zu übersetzen. Sie fragt, ob seine Zeichenfolgen mit einem begrenzten, von Hand ausführbaren Produktionssystem vereinbar sind:

Lässt sich die ungewöhnlich starke Ordnung der Zeichenübergänge durch eine Positionsschiene, zustandsabhängige Karten und eine kontrollierte Auswahl des nächsten Zeichens modellieren?

Eine rechnerische Übereinstimmung beweist weder eine physische Schablone noch Bedeutungslosigkeit, Betrug oder eine bestimmte Urheberschaft. Sie zeigt zunächst nur, wie gut ein ausdrücklich beschriebenes Modell die beobachtete Struktur erfasst.

2. Datengrundlage

Verwendet wurde die Zandbergen-Landini-Transliteration ZL3b-n in EVA-Notation. Unsichere Alternativlesungen wurden nach einer festen Bereinigungsregel behandelt; Kommentare und nicht zum 19-Zeichen-System gehörende Markierungen wurden ausgeschlossen. Analysiert wurden nur Übergänge innerhalb transkribierter Wortgruppen. Die EVA-Zeichen sind dabei Rechencodes, keine behaupteten lateinischen Buchstaben. [1]

5.385ausgewertete Textzeilen
39.123transkribierte Wortgruppen
194.163Zeichen im 19-Zustände-Alphabet
155.040Übergänge innerhalb der Gruppen

3. Das getestete Modell

Positionsschiene

Die 19 verwendeten EVA-Codes liegen auf einer festen, von 0 bis 18 nummerierten Schiene. Eine Bewegung nach links oder rechts wird als Differenz zwischen Ziel- und Ausgangsposition beschrieben.

Übergangsmatrix

Zwischen den 19 Zuständen sind 87 gerichtete Übergänge zugelassen. Jeder Zustand besitzt damit nur eine begrenzte Auswahl möglicher Nachfolger.

36-Felder-Karten

Für jeden Zustand existiert eine 6×6-Karte. Häufige Ziele stehen mehrfach auf der Karte. Zwei Würfel bestimmen Zeile und Spalte und damit das nächste Zeichen.

Berechnung: Feld = 6 × (Würfel 1 − 1) + (Würfel 2 − 1). Anschließend gilt: Verschiebung Δ = Zielposition − Ausgangsposition.

Das Verfahren verbindet feste Regeln mit Zufall: Der Wurf bestimmt, welcher der zulässigen beziehungsweise gewichteten Wege genommen wird. Nach dem Schreiben wird die Karte des neuen Zeichens aktiv.

4. Seitengenaue Kreuzvalidierung

Um eine bloße Anpassung an dieselben Daten zu begrenzen, wurde eine zehnfache Kreuzvalidierung durchgeführt. In jedem Durchlauf wurden ungefähr zehn Prozent der Manuskriptseiten zurückgehalten. Die häufigsten Übergänge wurden nur aus den übrigen Seiten bestimmt; die Anzahl erlaubter Ziele pro Ausgangszeichen blieb fest.

KategorieÜbergängeAnteilBedeutung
Direkt erlaubt143.94192,8412 %Grundmodell ohne Fehlertoleranz
Wiederholung2800,1806 %derselbe Zustand erneut
Mögliche Zwischenposition ausgelassen6.4504,1602 %ein zulässiger Zweischritt erscheint verkürzt
Benachbartes Ziel2.4551,5835 %möglicher Ansatz um eine Schienenposition versetzt
Benachbarte Ausgangskarte630,0406 %möglicherweise falscher Ausgangszustand
Nicht klassifiziert1.8511,1939 %durch diese Regeln nicht erfasst
Kernaussage: Das feste Grundmodell deckt im zurückgehaltenen Seitenmaterial 92,84 Prozent der Übergänge direkt ab. Mit vier definierten mechanischen Abweichungsklassen sind 98,81 Prozent klassifizierbar. „Klassifizierbar“ bedeutet kompatibel mit den Regeln, nicht historisch erklärt oder entziffert.

Über die zehn Testgruppen schwankte die direkte Abdeckung zwischen 92,10 und 93,52 Prozent. Der unklassifizierte Rest lag zwischen 0,945 und 1,466 Prozent. Die Stabilität über verschiedene Seiten spricht dafür, dass die gemessene Übergangsordnung nicht nur auf wenigen ausgewählten Beispielen beruht.

5. Zufallsmatrizen als Kontrolle

In 5.000 Kontrollläufen wurden Matrizen mit ebenfalls 87 erlaubten Kanten erzeugt. Auch die Zahl erlaubter Ziele je Ausgangszeichen blieb erhalten; nur die konkreten Ziele wurden zufällig verteilt.

AuswertungVoynich-ModellZufallsmatrizenEinordnung
Direkte Grundabdeckung92,84 %Mittel 24,25 %; Maximum 54,50 %Keine der 5.000 Matrizen erreichte den Voynich-Wert; empirische Obergrenze p < 0,0002.
Mit allen Abweichungsklassen98,81 %Mittel 90,42 %; 130 von 5.000 mindestens gleich hochp ≈ 0,026; die großzügigeren Klassen sind deutlich weniger unterscheidungskräftig.
Wichtige Einschränkung: Die aussagekräftigste Zahl ist 92,84 Prozent. Die 98,81 Prozent dürfen nicht als nahezu vollständiger Beweis verwendet werden, weil Zweischritt- und Nachbarschaftsregeln auch bei zufälligen Matrizen viele Übergänge auffangen.

6. Kontrollvergleich mit der lateinischen Vulgata

Als normaler Sprachtext wurde eine lateinische Vulgata in Zefania-XML ausgewertet. Die Datei enthält 3.176.132 Buchstaben. Für einen Vergleich mit gleicher Zustandszahl wurden die 19 häufigsten Buchstaben verwendet; sie decken 3.126.417 Zeichen beziehungsweise 98,43 Prozent des Buchstabenbestands ab.

Beide Korpora erhielten ein gleich großes, jeweils am eigenen Trainingsmaterial gelerntes Modell mit 19 Zuständen und insgesamt 87 erlaubten Übergängen. Bei MS 408 wurden Seiten, bei der Vulgata (lateinische Übersetzung der Bibel) vollständige biblische Bücher zurückgehalten.

VergleichVoynich MS 408Lateinische Vulgata (lateinische Übersetzung der Bibel)
Ausgewertete Übergänge155.0402.513.591
Direkte Abdeckung im Testmaterial92,84 %67,63 %
Nicht direkt erfasst7,16 %32,37 %

Der Abstand beträgt 25,21 Prozentpunkte. Das bedeutet nicht, dass Latein „weniger geordnet“ ist. Es zeigt, dass Voynichese unter dieser Modellgröße wesentlich stärker auf wenige Übergänge konzentriert ist. Die Normalisierung auf 19 Zustände ist eine festgelegte Vergleichsmethode, aber nicht die einzig mögliche. Weitere Sprachkorpora und alternative Zuordnungen müssen folgen. [2]

7. Fünf Schreiberhände als Toleranztest

Lisa Fagin Davis unterscheidet fünf Schreiberhände im Manuskript. [3] Deshalb wurde geprüft, ob dieselbe Grundmatrix bei allen fünf zugeschriebenen Händen ähnlich funktioniert.

HandDirekt erlaubtMit AbweichungsklassenUnklassifiziert
Hand 191,97 %98,43 %1,57 %
Hand 293,98 %99,00 %1,00 %
Hand 393,17 %98,76 %1,24 %
Hand 490,67 %98,20 %1,80 %
Hand 592,99 %98,44 %1,56 %

Die Grundabdeckung bleibt bei allen Händen hoch, ist aber nicht identisch. Das ist mit einem gemeinsamen Regelbestand und individuellen Schreib- oder Bediengewohnheiten vereinbar. Es beweist weder eine gemeinsame Maschine noch, dass jede paläografische Hand zwingend einer anderen Person entspricht.

8. Grafische Operatoren statt bloßer Schreibfehler

Die nicht direkt erlaubten Übergänge verteilen sich nicht gleichmäßig. Wenige häufige Paare dominieren den Rest. Die fünf häufigsten Paare ck, am, ir, hc und op bilden zusammen rund 34 Prozent aller zunächst verbotenen Vorkommen.

MusterVorkommenPositions- oder FolgebeobachtungMögliche Modellrolle
ck93496,1 % anschließend hTeil einer zusammengesetzten c-k-h-Form
cp21896,8 % anschließend hverwandte Gallows-Konstruktion
cf7993,7 % anschließend hverwandte Gallows-Konstruktion
am81196,3 % am Wortendeterminaler Operator oder Abschlussform
ir77680,8 % am Wortendeterminaler Operator oder Abschlussform
op61764,7 % am Wortanfanginitialer Operator

Diese Konzentration spricht dagegen, alle Abweichungen als zufällige Verschreiber zu behandeln. Eine naheliegende Arbeitshypothese ist eine zweite, grafische Ebene: EVA-Einzelzeichen können Bestandteile zusammengesetzter Formen, Gallows oder positionsabhängiger Varianten darstellen. Genau deshalb ist „ein EVA-Zeichen = ein Buchstabe“ keine Voraussetzung des Modells.

9. Möglicher Produktionsablauf

Aus den bisherigen Ergebnissen ergibt sich ein testbares Zwei-Stufen-Szenario:

  1. Eine Person erzeugt auf einem Arbeitsblatt oder durch direkte Bedienung von Schiene und Karten eine regelkonforme Zeichenfolge.
  2. Ein Schreiber überträgt diese Folge als Reinschrift auf Pergament und führt dabei grafische Verbindungen, Gallows und Wortabschlüsse aus.

Ein falsches Kartenfeld, ein um eine Position versetzter Ansatz, eine ausgelassene Zwischenstufe oder eine fehlerhafte Übertragung kann eine Abweichung erzeugen. Manche Bedienfehler bleiben statistisch unsichtbar, wenn das irrtümlich gewählte Feld trotzdem zu einem erlaubten Ziel führt.

Der interaktive Schieber-Schreibversuch und die analogen Druckkarten sollen erfassen, welche Fehler bei echten Versuchspersonen tatsächlich auftreten, wie schnell sie schreiben und ob mehrere Personen bei denselben Regeln unterscheidbare Profile entwickeln.

10. Verhältnis zu vorhandenen Modellen

  • Gordon Rugg: Eine Tabelle mit beweglicher Cardan-Schablone kann Voynich-artige Wörter und statistische Eigenschaften erzeugen. Das belegt die grundsätzliche Machbarkeit, nicht die historische Verwendung. [4]
  • Timm und Schinner: Copy-and-modify beziehungsweise Self-citation kann lokale Wortfamilien ohne physische Schablone erklären. Es bleibt deshalb ein wichtiges Konkurrenzmodell. [5]
  • Michael Greshko: Der 2025 veröffentlichte Naibbe-Cipher benutzt handbedienbare Tabellen und Spielkarten, um Latein oder Italienisch in Voynich-ähnlichen Chiffretext zu überführen. Auch der Autor beansprucht nicht, damit das tatsächliche Voynich-Verfahren identifiziert zu haben. [6]

Das Schieber-Matrix-Modell unterscheidet sich dadurch, dass es vom beobachteten Übergangsnetz ausgeht, eine räumliche Schiene hinzufügt und aus den Restmustern konkrete Bedien- und Grafikoperatoren ableitet. Ob diese zusätzliche Komplexität gerechtfertigt ist, muss an vollständig zurückgehaltenen Lagen, Händen und Positionsmerkmalen gezeigt werden.

11. Grenzen und nächste Tests

  • Schiene, Zeilenbreiten der Matrix und Fehlertypen wurden während der Arbeit mit Voynich-Daten entwickelt. Die Seitenkreuzvalidierung beseitigt diese Forscherfreiheitsgrade nicht vollständig.
  • Als nächster strenger Test müssen ganze Lagen, Currier-A/B-Teile oder eine vollständige Schreiberhand während der Modellentwicklung unsichtbar bleiben.
  • Die Regeln für grafische Operatoren müssen vor dem Test festgeschrieben werden.
  • Vergleiche benötigen neben Latein weitere natürliche Sprachen, Chiffren, Pseudotexte sowie einfachere Markov-Modelle mit gleicher Parameterzahl.
  • Ein praktischer Versuch mit fünf Personen muss geplante und tatsächlich geschriebene Zeichen getrennt protokollieren.
  • Geometrische und botanische Treffer benötigen eigene Blindtests gegen zeitgenössische Handschriften und Bildvorlagen.
Falsifikationsregel: Wenn ein vorab eingefrorenes Modell auf vollständig ungesehenen Manuskriptteilen nicht stabil besser abschneidet als einfachere Konkurrenzmodelle oder wenn die erwarteten Bedien- und Positionsspuren im praktischen Versuch nicht entstehen, muss die Hypothese verändert oder verworfen werden.

Quellen und Datennachweise

  1. René Zandbergen: Transliteration of the Voynich MS text; ergänzend Zandbergen, „Transliteration of the Voynich MS Text“, VOY2022 Proceedings. Verwendeter lokaler Datenstand: ZL3b-n, 13. Mai 2025.
  2. Biblia Sacra Vulgata, Zefania XML Bible Markup, Free Bible Group, Revision 20. Januar 2009. Kontrollkorpus der Eigenanalyse.
  3. Lisa Fagin Davis (2020): „How Many Glyphs and How Many Scribes? Digital Paleography and the Voynich Manuscript“, Manuscript Studies 5(1), 164–180. DOI 10.1353/mns.2020.0011.
  4. Gordon Rugg (2004): „An Elegant Hoax? A Possible Solution to the Voynich Manuscript“. Cryptologia 28(1); Gordon Rugg & Gavin Taylor (2017): „Hoaxing statistical features of the Voynich Manuscript“.
  5. Torsten Timm & Andreas Schinner (2020): „A possible generating algorithm of the Voynich manuscript“, Cryptologia 44(1).
  6. Michael A. Greshko (2025): „The Naibbe cipher: a substitution cipher that encrypts Latin and Italian as Voynich Manuscript-like ciphertext“, Cryptologia.
  7. Yale Beinecke Rare Book & Manuscript Library: The Beinecke Cipher Manuscript, Digitalisate und Verweis auf die Materialanalyse.
  8. McCrone Associates (2009): Materials Analysis of the Voynich Manuscript, Project MA47613, Untersuchung für die Beinecke Library.

Die Tabellenwerte dieser Seite sind eigene Berechnungen. Sie sollten zusammen mit Bereinigungscode, Matrixdatei und vollständigen Ergebnistabellen veröffentlicht werden, damit Dritte sie reproduzieren können.

Transparenz zur KI-Unterstützung

Die Schieber-Matrix-Hypothese, die zugrunde liegenden Beobachtungen sowie die praktischen Schreib- und Schablonenexperimente wurden vom Autor entwickelt und durchgeführt. Generative KI wurde unterstützend bei der Entwicklung und Überprüfung von Rechenwegen, der Programmierung von Analysewerkzeugen, der Strukturierung von Daten sowie bei Übersetzung und sprachlicher Aufbereitung eingesetzt.

Die KI wurde nicht zur vermeintlichen Entschlüsselung des Voynich-Manuskripts verwendet. Das vorgestellte Modell stellt keine Übersetzung oder abschließende Lösung dar, sondern eine experimentelle und falsifizierbare Hypothese über einen möglichen Produktionsprozess. Auswahl, Prüfung, Interpretation und Verantwortung für sämtliche veröffentlichten Aussagen liegen beim Autor.